Salzburg. Das Team der Zeitgeschichte am Fachbereich Geschichte hat erneut zur Veranstaltungsreihe ZEITGESCHICHTE goes public eingeladen. Am Dienstag, dem 13. Jänner 2026, endete das Semester mit einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Familiengeschichte(n). Nachkommen erzählen.“ Im Fokus standen die vielfältigen Formen familiärer Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Drei Nachgeborene diskutierten darüber, welche Spuren der Holocaust in ihrer Familie hinterlassen hat.
Im Hörsaal Agnes Muthspiel verfolgten Studenten und Besucher ab 18:00 Uhr die spannenden Geschichten von Peter Stocker, dessen Familie als Zeugen Jehovas verfolgt wurde, von Sonja Schützinger, Enkelin des kommunistischen Widerstandskämpfers Josef Scherleitner und von Günter Kaindlstorfer, Enkel von Anton Kaindlstorfer, der als NSDAP-Gruppenleiter für die Arisierung (Enteignung und Beraubung von Jüdinnen und Juden, Anm.) im Salzkammergut verantwortlich war.

Margit Reiter, Professorin für Zeitgeschichte der Universität Salzburg, moderierte die Podiumsdiskussion, wobei sie besonders drei Fragen in den Fokus rückte:
- Wie werden Geschichten von Verfolgung, Widerstand oder Täterschaft in österreichischen Nachkriegsfamilien weitergegeben?
- Was wird erzählt, worüber wird aber auch geschwiegen?
- Welche Erinnerungen, Tabus und Leerstellen prägen das familiäre Gedächtnis und wie gehen Nachkommen heute damit um?
Prof. Margit Reiter moderiert die Podiumsdiskussion
Günter Kaindlstorfer, Schriftsteller und Journalist, unter anderem für Ö1 und den „Deutschlandfunk“, dessen Großvater Anton Kaindlstorfer NSDAP-Gruppenleiter von Bad Ischl war, sprach offen darüber, dass sein Großvater zwar großen Wert darauflegte, als kunstsinnig zu gelten, zugleich vor niedrigsten Handlungen nicht zurückschreckte. Als Sparkassendirektor war er auch in die berüchtigten Arisierungen (Enteignung und Beraubung von Jüdinnen und Juden, Anm.) der Ischler Villen an prominenter Stelle involviert.
Die Oma, so erzählte Kaindlstorfer weiter, war ebenso Mitglied der NSDAP und beschönigte lange die Aktivitäten ihres Mannes. Es dauerte, bis sie einlenkte und schließlich sagen sollte: „Der Holocaust war nicht gut.“ Nachdenklich konstatiert Kaindlstorfer: „Das ist nichts, worauf man stolz sein kann – ein unauslöschlicher Schandfleck in der Geschichte meiner Familie.“ Dennoch möchte er sich auch in Zukunft öffentlich mit der Biografie seines Großvaters auseinandersetzen und sich in keinem Fall davor drücken.
Ganz anders die Geschichte von Peter Stocker, der als Zeitzeuge der 2. Generation seit 2019 in Bildungseinrichtungen über seine Familie, die als Zeugen Jehovas jede Unterstützung Hitlers verweigerten, berichtet. Das unfassbare Leid begann, als der Großvater Gregor Wohlfahrt als 18-jähriger in den 1. Weltkrieg einberufen wurde. Er überlebte zwar, schwor sich aber, sich nie mehr an einem Krieg zu beteiligen, weil er nicht verstand, warum er als österreichischer Katholik auf italienische Katholiken schießen musste. Sein Entschluss sollte 1939 mit Ausbruch des 2. Weltkrieges auf die Probe gestellt werden. Inzwischen war Gregor ein Bibelforscher, wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden, was auch der Gestapo nicht entging. Er wurde verhaftet und kurze Zeit später in Berlin-Plötzensee enthauptet.
Für die Familie Wohlfahrt sollte es noch schlimmer kommen. Insgesamt sieben der 22 Familienmitglieder starben aufgrund ihrer Überzeugung.
Wie alle Zeugen Jehovas wollten sie das NS-Regime nicht unterstützen und lehnten die Arbeit in der Rüstungsindustrie, den Wehrdienst und den Hitlergruß ab.
Sichtlich betroffen erzählt Stocker, dass er noch heute mit Aussagen konfrontiert wird wie: „Der Großvater ist selbst am Erlebten schuld. Er hätte es sich viel leichter machen können. Warum hat er zugelassen, dass seiner Familie das passiert?“
Sonja Schützinger erzählte abschließend die Geschichte ihres Großvaters Josef Scherleitner, der als kommunistischer Widerstandskämpfer von den Nazis ermordet wurde. In der Familie wurde anfänglich nicht viel darüber gesprochen, höchstens getuschelt. Mit 7 Jahren, so Schützinger, habe sie dann zum ersten Mal das Wort Widerstandskämpfer gehört. Als sie 14 war, erfuhr sie mehr über ihren Großvater, vor allem auch deshalb, weil seine Briefe, die er aus München schrieb, noch vorhanden waren. Die Erzählungen wurden ab diesem Zeitpunkt immer intensiver und brutaler, wie Schützinger betont und nicht vergisst zu erwähnen, dass die Ermordung ihres Großvaters durch die Nationalsozialisten und der Holocaust bis heute ihre Familie prägen.
Als Margit Reiter die Schlussrunde einläutet, sind sich alle Diskutant*innen einig, dass sie über diese Zeit gerne mehr wissen würden. Hätten sie noch einmal die Gelegenheit, dann würden sie heute viel mehr Fragen stellen.
Ihr abschließender Appell richtete sich an die Student*innen, die Groß- und Urgroßeltern zu befragen und im Idealfall diese Gespräche sogar zu filmen. Denn man würde 90 bis 95 % der Erzählungen vergessen, so die Erfahrung aller.
Das Schlusswort gehörte Günter Kaindlstorfer, der sagte: „Was mich nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass es heute wieder so anfängt wie damals. Lassen wir es nicht so weit kommen.“
Fotos: @ FMZ
K
Franz Michael Zagler
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