Die Akademie der Künste in Berlin war bis zum letzten Platz gefüllt. Ehrengäste aus neun Ländern waren geladen, um sich auf die Mahnmal-Enthüllung am Tag darauf einzustimmen. Im Berliner Tiergarten wird eine beeindruckende Bronzeskulptur an die verfolgten Zeugen Jehovas im NS-Regime erinnern. Für den Verein Lila Winkel referierte der Kärntner Peter Stocker.
Die Arnold-Liebster-Stiftung, die seit 2002 die Erinnerung an die NS-Opfer wachhält, lud am Dienstag, dem 23. Juni 2026, zu einer exklusiven Veranstaltung. Vorstandsvorsitzender Uwe Klages begrüßte Ehrengäste aus Dänemark, Kanada, Griechenland, Luxemburg, Schweden, Slowenien, Spanien, den USA und Österreich. Der Verein Lila Winkel mit Sitz in der Steiermark beschäftigt sich seit 1998 mit der Aufarbeitung des Schicksals unschuldiger NS-Opfer und ist Kooperationspartner der Arnold-Liebster-Stiftung. Er war mit vier Vorstandsmitgliedern vertreten und Peter Stocker berichtete als Gastredner über seinen persönlichen Bezug zu Berlin und den seiner Familie zum Holocaust.

„Fest und entschlossen“
Eröffnet wurde das zweieinhalbstündige Programm vom Kammerorchester Terra Nova mit dem Musikstück „Fest und entschlossen“, das der KZ-Häftling Erich Frost 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen komponierte. Der Moderator Uwe Klages erklärte anschließend den Grund für diese besondere Veranstaltung, zu der die Arnold-Liebster-Stiftung rund 200 Gäste geladen hatte. Sie sollten erfahren, „was die rechtliche, historische und ethische Grundlage für das Gedenken und Errichten des Mahnmals für die Opfergruppe der Zeugen Jehovas ist.“ Außerdem erhielten die Anwesenden einen Einblick in die über 10-jährige Entstehungsphase und hörten dazu zwei renommierte Historiker, die das Projekt begleiteten.
96-jährige Simone Arnold-Liebster grüßt
Zuvor hörten die Gäste im Auditorium der Akademie und weitere Hunderte Zuhörer, die per Videostream verbunden waren, die berührenden Grußworte von Simone Arnold-Liebster, die mit ihrem Mann Max Liebster 2002 Gründungsmitglied der Stiftung war. Simone Arnold-Liebster hatte gemeinsam mit ihrem Mann die Verfolgung der Nationalsozialisten überlebt, ist heute 96 Jahre alt und richtete folgende Grußworte per Video an die gespannte Zuhörerschaft: „Das Mahnmal ist eine Erinnerung an das Gewissen. Das Gewissen der Opfergruppe der Zeugen Jehovas bewegte sie dazu, anderen zu helfen und ihnen nicht zu schaden.“
Der Applaus dauerte noch eine Weile, bis Prof. Dr. Detlef Garbe über die Erforschung der NS-Verfolgungsgeschichte von Jehovas Zeugen sprechen konnte. Er richtete seinen Fokus auf den Umstand, warum es so lange dauerte, bis man begann, die Geschichte von Jehovas Zeugen zu beleuchten. Denn das Umfeld – Mithäftlinge und SS-Männer – war von ihrer Standhaftigkeit, unabhängig der Konsequenten seit Beginn der NS-Diktatur, schwer beeindruckt gewesen, so Garbe. Heute habe sich die Erinnerungskultur gewandelt. Rund 500 Stolpersteine auf Gehwegen in deutschen Städten und knapp 30 Straßennamen, benannt nach Personen der Opfergruppe der Zeugen Jehovas, erinnern an ihren Widerstand und an die Verfolgung.
In seiner gewinnenden und humorigen Art betrat der 85-jährige Prof. Dr. Wolfgang Benz die Bühne, um über das Thema „Verweigerte Erinnerung – der lange Weg zum Mahnmal für die verfolgten Zeugen Jehovas“ zu sprechen. Zwei Merkmale der Opfergruppe waren Benz besonders wichtig und er wurde nicht müde, sie zu betonen:
„Jehovas Zeugen waren die einzige religiöse Gemeinschaft, die geschlossen und konsequent aus ihrem Glauben Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete. Weil sie den Hitlergruß und den Eid auf den Führer, den Wehrdienst und jegliche Tätigkeit in der Rüstungsproduktion verweigerten, wurden sie vom NS-Regime verboten und verfolgt … unter dem Beifall der Amtskirchen.“
Benz weiter: „Bemerkenswert war auch ihr Verhalten. Sie haben ihren jüdischen Nachbarn Beistand gewährt. Sie haben nicht, wie die Mehrheit der Christen, weggesehen, sondern boten verfolgten Juden als Mitmenschen Unterkunft und Nahrung, haben sie versteckt und bei der Flucht geholfen.“
Tippfehler: Mahnmal oder Denkmal?
Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, berichtete über den gesetzlichen Auftrag der Stiftung, zum würdigen Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus beizutragen. 2005 wurde das Denkmal für die ermordeten Juden der Öffentlichkeit übergeben – „vergleichsweise spät“, wie Neumärker anmerkt, „aber es war der Auftakt für andere Denkmäler.“
Neumärker stellte im Schnelllauf – da, wie er sagte, die Uhr eigentlich schon bei der Zielgeraden angekommen wäre, die Veranstaltung aber erst die Halbzeit erreicht hätte – die vielen Gedenkprojekte der letzten 20 Jahre vor und kam ohne Umschweife auf die eingangs erwähnte Bronzeskulptur zu sprechen.
„Darum geht es heute: das Denkmal – nein, das ist kein Denkmal, das ist ein Tippfehler auf unserer PowerPoint-Präsentation! Das ist das erste offizielle Mahnmal seit Bestand der Stiftung, das der Bundesrat ausdrücklich für die verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas beschlossen hat.“
Der „Tippfehler“ hinterließ so manches fragende Gesicht, wenn es darum ging, den Unterschied zwischen Denkmal und Mahnmal beschreiben zu wollen. Tatsächlich würdigt ein Denkmal besondere Personen oder historische Ereignisse, während ein Mahnmal die Gesellschaft zum Nachdenken und zur Mahnung anregt, damit sich solche Ereignisse nicht mehr wiederholen.
Nicht ohne Stolz und beinahe sentimental werdend, erinnerte Neumärker daher an den 22. Juni 2023, an dem der Deutsche Bundestag einstimmig, inklusive der Stimmen der AfD, dieses Mahnmal, wie er nachdrücklich betont, beschlossen und die Finanzierung zugesagt hat.
Es folgte ein Interview mit dem Vorstand der Arnold-Liebster-Stiftung und dem Künstler Matthias Leeck. Außerdem wurde der historische Ort, der Goldfischteich, vorgestellt und erklärt, warum die Bronzeskulptur ausgerechnet dort stehen würde.
Der Verein Lila Winkel aus Österreich
Die anwesenden Vorstandsmitglieder des Vereins Lila Winkel, Franz Michael Zagler, Heidi und Bernd Gsell, freuten sich schon auf den Beitrag ihres Kollegen Peter Stocker, der kein Freund leerer Worte sei, wie er eingangs bemerkte. Denn für ihn, so Stocker, sei Erinnerung eine Herzenssache, etwas, was tief im Inneren wohne.
Stocker weiter: „Erinnern hilft neuen Generationen zu erkennen, wie Hass und Stigmatisierung – unabhängig von religiösem oder kulturellem Hintergrund – verheerende Folgen haben können, wenn sie nicht hinterfragt werden. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, Geschichte sichtbar zu machen und im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dieses Erinnern fördert in einer vielfältigen Gesellschaft Respekt für Religionsfreiheit und Verantwortung füreinander.“
Sein persönlicher Bezug zur NS-Zeit und zu Berlin sei ein ganz besonderer. Beruflich war Stocker oft in Berlin – aber einen Ort konnte er lange nicht betreten: die Gedenkstätte Berlin-Plötzensee. Hier wurde sein Großvater Gregor Wohlfahrt am 7.12.1939 enthauptet, weil er als Zeuge Jehovas den Wehrdienst verweigert hat. Hier begann das Unheil der Großfamilie Wohlfahrt. 22 Familienmitglieder waren direkt vom NS-Regime betroffen und sieben wurden ermordet.
Vor einigen Jahren betrat Stocker zum ersten Mal die Räumlichkeiten der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee, war tief beeindruckt und hat seinen Frieden gefunden, wie er erzählt.
Neue Website
Falk Bersch, ein Historiker, sprach abschließend über die Gedenkzeichen für Jehovas Zeugen. Bersch forscht und publiziert zu gesellschaftlichen und religiösen Minderheiten der Zeit des Nationalsozialismus und Kommunismus und berichtete über Stelen, Straßen und Stolpersteine.
Das Erinnern kam allerdings nur sehr langsam in die Gänge. Obwohl es heute in Deutschland über 580 Gedenkzeichen gebe, die an das Schicksal der Zeugen Jehovas erinnern, sei es bedenklich, so Bersch, „dass immer noch oder schon wieder deutsche Städte Gedenkzeichen wie Straßennamen für diese Opfergruppe ablehnen.“
Umso mehr freue es ihn, die neue Website „Biographien verfolgter Zeugen Jehovas“ präsentieren zu können. Diese digitale Gedenkstätte mit 568 Biographien bewahrt die Erinnerung und macht alle 154 Gedenkorte findbar. Diese Website, so Bersch, ist ein Kooperationsprojekt der Arnold-Liebster-Stiftung und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Die Inhalte wurden durch ein großes Team von ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammengestellt. Über 50 Jugendliche haben daran ebenfalls mitgearbeitet und sich mit diesen Schicksalen beschäftigt, indem sie recherchierten, Filme drehten, Zeitzeugen interviewten und Stolpersteinverlegungen aktiv begleiteten, so Bersch sichtlich stolz.
„Ungebrochen durch die Nacht“
Das Kammerorchester Terra Nova spielte zur Freude aller geladenen Gäste am Ende der Veranstaltung eine weitere Komposition von Erich Frost. Das Musikstück „Ungebrochen durch die Nacht“ komponierte er ebenfalls im Konzentrationslager. Der begabte Musiker wollte mit seinen Liedern seine Glaubensgeschwister im KZ aufmuntern, der selbst über neun Jahre in Haft verbrachte. Erich Frost starb am 30. Oktober 1987 im Alter von 86 Jahren.
Website Biographien verfolgter Zeugen Jehovas: www.biographien-verfolgter-zeugen-Jehovas.de
Website der Arnold-Liebster-Stiftung: www.alst.org
Website des Vereins Lila Winkel: www.lilawinkel.at
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Franz Michael Zagler
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