Start Allgemein Zeitzeugenprojekt „Vergeben JA, Vergessen NEIN“ in der BHAK-Schärding

Zeitzeugenprojekt „Vergeben JA, Vergessen NEIN“ in der BHAK-Schärding

Wäre eine Stecknadel zu Boden gefallen, man hätte es gehört.

Schärding. Im Festsaal der BHAK-Schärding hörten von Montag, 2. Februar bis Mittwoch, 4. Februar 2026 rund 160 Schüler*innen den spannenden Zeitzeugenbericht über Ernst Reiter, der als Bibelforscher (wie damals Jehovas Zeugen genannt wurden) nach 1600 Tagen im Konzentrationslager Flossenbürg schwer traumatisiert nach Hause kam. Seine Tochter, Fr. Judith Ribic, erzählte berührende Einzelheiten vom Lageralltag und wie er nach dem Krieg das Erlebte verarbeitete.

Originale Filmdokumente und eine seltsame Erklärung

Fr. Esther Dürnberger, Referentin des Vereins Lila Winkel, begleitete die engagierte Zeitzeugin der zweiten Generation und zeigte Dokumente aus der Zeit. Darunter auch ein Filmdokument mit Ernst Reiter, wo er von einer seltsamen Erklärung sprach, die nur Jehovas Zeugen vorgelegt wurde. Mit seiner Unterschrift hätte er seinen Glauben abgeschworen und bestätigt, „dass die Internationale Bibelforschervereinigung unter dem Deckmantel religiöser Betätigung lediglich staatsfeindliche Ziele verfolgt.“ Außerdem hätte er sich dazu verpflichtet, unverzüglich alle Personen zur Anzeige zu bringen, „die an die Irrlehre der Bibelforscher glaubten.“ Ernst Reiter unterschrieb nicht, was dazu führte, dass er Einzelhaft, Folter und Hunger erlebte.

Schubkarre für die Schwächsten

Er überlebte alle Torturen ohne Verbitterung und Hass. Selbst den Todesmarsch am Ende des Krieges überstand er. Die 23-köpfige Gruppe der Bibelforscher mit dem Häftlingskennzeichen Lila Winkel, der Ernst Reiter angehörte, hielt eisern zusammen und jeder opferte sich für den anderen auf. So organisierten sie sich eine Schubkarre, in die sie den jeweils Schwächsten unter ihnen legten, und alle überlebten.

Weißes Blatt – schwarzer Punkt

Fr. Judith Ribic erinnerte sich daran, dass ihr Vater sie und ihre beiden Geschwister Zusammenhalt lehrte und seine drei Töchter mahnte, mit allen Menschen gut auszukommen und das Positive zu sehen. Noch heute denkt sie an das weiße Blatt Papier mit einem schwarzen Punkt in der Mitte. Damit lehrte der stets lebensbejahende Vater seine Töchter, alle Menschen als ein weißes Blatt Papier zu sehen, statt sich auf die Fehler, die jeder hat, zu konzentrieren.

„KEIN Brot – das ist hart!“

Sehr wichtig war dem Vater auch, mit Lebensmitteln nie verschwenderisch umzugehen. Im Lager gab es nur eine ungewürzte Wassersuppe mit ungeputztem Gemüse. Im Winter war sie gefroren, im Sommer war das Gemüse verfault. Der Hunger war sein ständiger Begleiter. Als sich die Kinder einmal über ein hartes Brot beschwerten, sagte er: „KEIN Brot zu haben – das ist hart.“

Die Botschaft kam an. Vier Schülerinnen beschrieben direkt im Anschluss ihre Eindrücke.

Pia: „Ich bewundere Ernst Reiter dafür, dass er nie nachtragend war und den Mut hatte, seine Peiniger nach dem Krieg direkt anzusprechen und seinen Standpunkt in Ruhe zu erklären. Es war sein Glaube an die Bibel, der ihm die Stärke gab, all die Ungerechtigkeiten zu ertragen. Das ist besonders bemerkenswert, da er mehrmals die Gelegenheit gehabt hat, sich all diese Torturen zu ersparen. Bis zu seinem Tod blieb er seiner Überzeugung treu, war immer positiv und ein sehr empathischer Mensch.“

Marlies: „Meine Beobachtung ist, dass viele den Holocaust nicht ansprechen möchten, während andere diese schreckliche Zeit verharmlosen. Das ist schade, denn lebendige Geschichte trägt zu mehr Toleranz in der Gesellschaft bei. Herr Reiter war für mich in jeder Hinsicht ein starker Mann und sein gelebter Glaube machte ihn zu einem besonderen Menschen.“

Ina: Ernst Reiter war auch für andere da. Obwohl selbst mehrmals dem Tode nahe, setzte er sich für seine Glaubensgeschwister ein und hielt beim Todesmarsch auch für sie durch. Ich wünsche mir, dass noch sehr viele Schulen die Gelegenheit haben, seine Geschichte zu hören. Es braucht noch mehr Aufklärung, weil ich immer wieder erlebe, wie diese Zeit ins Lächerliche gezogen wird. Persönlich habe ich Angst vor der Zukunft, denn wenn die Anfänge der NS-Diktatur vergessen werden, stehen wir in der Gefahr, als Gesellschaft schleichend in die falsche Richtung abzudriften.“

Jana: „Es ist so bewundernswert, wie er psychisch und physisch durchgehalten hat, obwohl er während der 1600 Tage KZ oft verzweifelt war. Ich kann mir seine Schmerzen nicht vorstellen und habe keine Idee, wie sehr er seine Familie vermisst haben muss. Mein ganzer Respekt gehört Ernst Reiter, der jeden Tag mit der Angst erwachte, den Abend nicht mehr zu erleben. Sein Glaube hat ihm die Kraft gegeben und seine Treue gab ihm inneren Frieden.“

Die wertschätzenden Einträge ins „Buch der Erinnerung“ zeigen, wie lebendig Zeitgeschichte sein kann. Man spürte die Entschlossenheit, die Geschichte nicht zu vergessen und gegenseitigen Respekt und Toleranz im Alltag zu leben.

Das Interview führte Franz Michael Zagler.

v.l.n.r: Pia, Jana, Esther Dürnberger, Dir. Prof. MMag. Irene Wiesinger, Judith Ribic, Marlies und Ina

 

Wäre eine Stecknadel zu Boden gefallen, man hätte es gehört.

Fotos: © FMZ

Kontakt:
Franz Michael Zagler
Tel: 0676/637 84 96
E-Mail: fmzagler@fmzagler.at

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