Zwischen Obst- und Gemüsebau, Digitalisierung und Versorgungssicherheit
NIEDERÖSTERREICH. Wasserknappheit wird zunehmend zur Herausforderung für den heimischen Obst- und Gemüsebau. Längere Trockenperioden und veränderte klimatische Bedingungen setzen die Landwirtschaft unter Druck. Gleichzeitig wächst der Ressourcenbedarf anderer Wirtschaftsbereiche, etwa durch den Ausbau von KI-Rechenzentren. Christian Mondre und BeFAIR Niederösterreich werfen deshalb eine grundsätzliche Frage auf: Wie gehen wir mit der wertvollen Ressource Wasser um – und welche Prioritäten setzen wir bei ihrer Nutzung?
Was lange als Problem weit entfernter Regionen galt, betrifft zunehmend auch Niederösterreich. Gerade für ein Bundesland mit bedeutenden Obst- und Gemüseanbaugebieten ist eine verlässliche Wasserversorgung entscheidend. Bleiben Niederschläge aus und trocknen Böden aus, leiden Erträge und Qualität. Geringere Erntemengen und eine eingeschränkte Verfügbarkeit heimischer Produkte können die Folge sein. Für die Bevölkerung bedeutet das möglicherweise steigende Preise und eine wachsende Abhängigkeit von Importen. Wasserknappheit wird damit unmittelbar zur Frage der regionalen Versorgungssicherheit. Wie sehr das Thema die Bevölkerung beschäftigt, zeigt eine aktuelle Marketagent-Umfrage: 61,1 Prozent der Befragten rechnen damit, dass die Wasserverfügbarkeit in Österreich innerhalb der nächsten zehn Jahre zum Problem werden könnte. 2023 waren es noch 48,9 Prozent. Besonders deutlich fällt die Einschätzung hinsichtlich der Landwirtschaft aus: 90 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass Wasserknappheit die landwirtschaftliche Produktion künftig beeinträchtigen wird.
Zwischen regionaler Landwirtschaft und globalem Konsum
Regionale Landwirtschaft schafft Wertschöpfung vor Ort und trägt wesentlich zur Versorgung der Bevölkerung bei. Gleichzeitig verdient unser Konsumverhalten einen kritischen Blick. Die Erwartung, nahezu jedes Obst und Gemüse unabhängig von Jahreszeit und Herkunft jederzeit kaufen zu können, hat ein globales Versorgungssystem entstehen lassen. Lebensmittel werden über weite Strecken transportiert, gekühlt und zwischengelagert. Auch der Wasserverbrauch in den Herkunftsregionen bleibt dabei häufig unsichtbar. Regional und saisonal einzukaufen kann Transport- und Kühlaufwand reduzieren und die heimische Landwirtschaft stärken. Regionalität allein garantiert jedoch keine Nachhaltigkeit. Entscheidend sind ebenso ressourcenschonende Anbaumethoden und eine effiziente Bewässerung.
Wenn die digitale Wirtschaft ebenfalls Wasser benötigt
Während Landwirtschaft und private Haushalte zu einem sparsamen Umgang mit Wasser angehalten werden, wächst der Ressourcenbedarf der digitalen Wirtschaft. Der Ausbau künstlicher Intelligenz erfordert immer mehr Rechenleistung. Die dafür notwendigen Rechenzentren benötigen erhebliche Mengen an Energie. Auch ihre Kühlung kann, abhängig von Standort und Technologie, einen beträchtlichen Wasserverbrauch verursachen.
Damit stellt sich eine berechtigte Frage: Warum wird Wassersparen in manchen Bereichen besonders eingefordert, während der Ressourcenbedarf großer digitaler Infrastrukturen häufig weniger Beachtung findet? Technologischer Fortschritt soll damit nicht grundsätzlich infrage gestellt werden. Vielmehr müssen auch Rechenzentren an ihren ökologischen Auswirkungen gemessen werden. Transparenz über den Ressourcenverbrauch und wassersparende Kühltechnologien sind wesentliche Voraussetzungen. Christian Mondre und BeFAIR Niederösterreich lenken damit den Blick auf einen grundlegenden Zielkonflikt: Wie lassen sich wirtschaftliche Entwicklung, technologische Innovation und der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen vereinbaren?
Landwirtschaft muss sich auf veränderte Bedingungen einstellen
Bereits 2023 widmete sich das BOKU-Zentrum für Agrarwissenschaften im Rahmen seiner 13. CAS-Herbsttagung unter dem Titel „Klimawandel und Wasser – Bedeutung für die österreichische Landwirtschaft“ diesen Herausforderungen. Im Mittelpunkt standen die effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen, die Wasserspeicherfähigkeit landwirtschaftlicher Böden und die Anpassung der Produktionsverfahren an längere Trockenperioden. Die Fragestellungen sind heute aktueller denn je. Steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster beeinflussen, wann und wie viel Wasser Pflanzen benötigen. Eine verbesserte Bodenstruktur, angepasste Bewirtschaftungsmethoden und durchdachte Bewässerungskonzepte gewinnen daher an Bedeutung. Böden müssen Niederschläge möglichst gut aufnehmen und speichern können, damit Wasser auch in niederschlagsarmen Phasen verfügbar bleibt. Auch BeFAIR Niederösterreich greift diese Themen auf und erweitert die fachliche Diskussion um eine gesellschaftspolitische Dimension: Wie soll eine zunehmend kostbare Ressource zwischen Landwirtschaft, privaten Haushalten, Industrie und neuen wirtschaftlichen Nutzungsbereichen verteilt werden? Christian Mondre von BeFAIR Niederösterreich formuliert es so: „Wasser ist keine unbegrenzt verfügbare Ressource. Wenn wir die regionale Landwirtschaft und damit unsere Lebensmittelversorgung langfristig sichern wollen, müssen wir auch darüber sprechen, welchen Stellenwert wir der Wassernutzung in anderen Wirtschaftsbereichen einräumen. Technologischer Fortschritt darf nicht zulasten unserer natürlichen Lebensgrundlagen gehen.“
Versorgungssicherheit braucht gemeinsame Verantwortung
Die Verantwortung für einen nachhaltigen Wasserhaushalt darf nicht allein den privaten Haushalten übertragen werden. Auch Landwirtschaft, Industrie, Energiewirtschaft und digitale Infrastruktur müssen ihren Beitrag leisten. Unterschiedliche Nutzungsinteressen sind abzuwägen, die Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln muss langfristig gesichert bleiben. Wie hoch der Stellenwert sauberen Wassers ist, zeigt ebenfalls die Marketagent-Umfrage: 84,3 Prozent bewerten den Zugang zu sauberem Trink- und Quellwasser als sehr wertvoll. Niederösterreich verfügt über wertvolle landwirtschaftliche Strukturen, deren Erhalt vorausschauendes Handeln erfordert. Dazu gehören ressourcenschonende Bewirtschaftung, der Schutz der Wasserreserven und Rahmenbedingungen, die dem heimischen Obst- und Gemüsebau auch unter veränderten klimatischen Bedingungen eine Zukunft ermöglichen.
Ein regionaler Apfel, heimisches Gemüse und eine funktionierende Landwirtschaft sind keine Selbstverständlichkeit. Sie brauchen Wasser, intakte Böden und verantwortungsvolle Rahmenbedingungen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Wasser uns zur Verfügung steht, sondern auch, wofür wir es einsetzen wollen. Denn unsere Lebensmittelversorgung hängt wesentlich davon ab, wie sorgsam wir heute mit dieser Lebensgrundlage umgehen.
