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Bretstein. Rund 70 Besucher waren bei der diesjährigen Gedenkfeier im Bretsteingraben anwesend. Sie gedachten der rund 170 Opfer im KZ-Nebenlager von Mauthausen. „Böses durch Gutes überwinden“ und „Nie wieder – das gilt für alle“ waren die Botschaften der beiden Redner.

Wer zum ersten Mal diese KZ-Gedenkstätte besucht, hat das Gefühl, nie anzukommen. Das kleine Areal im Bretsteingraben befindet sich auf 1.150 Metern Seehöhe und ist so abgelegen, als wollte die SS die landwirtschaftliche Versuchsanstalt bewusst verstecken. Heute kann man auf einen berühmten Nachbarn verweisen, den A1-Ring, der gerade mal 34,91 KM-Luftlinie (Fahrstrecke 45,37 KM) entfernt liegt. Im Gegensatz zu den heulenden Motoren wird der Besucher im Bretsteingraben von einer Stille empfangen, die ihn nachdenklich stimmt.

Die Stille findet ein abruptes Ende, als die Bläsergruppe des Musikvereins Bretstein die Gedenkveranstaltung ansatzlos eröffnet. Anschließend stellte Prof. Mag. Stefan Stradner, Obmann des Gedenkvereins Bretstein, den thematischen Schwerpunkt der Gedenkfeiern 2026 durch das Mauthausenkomitee 2026 vor: „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus.“

Gedenkstätte Bretstein

Mordprogramm und Funktionshäftlinge
In seinen einleitenden Worten erinnerte Stradner daran, dass das nationalsozialistische Lagersystem nicht nur durch Befehle von „oben“ funktionierte. Denn Täter und Täterinnen agierten auf unterschiedlichen Ebenen. Zehntausende Männer und Frauen unterstützten durch ihre tatkräftige Mitwirkung als Wachpersonal, Verwaltungsangestellte, Ärzte und Kommandanten aktiv das Mordprogramm. Für rund 30 % aller Todesfälle in den KZ’s war direkte Gewaltanwendung verantwortlich, wie z. B. durch Exekutionen, Vergasung, medizinische Versuche, Misshandlung, Erschießung auf der Flucht und fingierte Suizide.

Stradner erklärte, dass Vernichtung durch Arbeit, mangelhafte Ernährung, unzureichende Kleidung oder Unterbringung, mangelhafte oder fehlende medizinische Versorgung zur indirekten Gewaltausübung zählten und für rund 70% aller Todesfälle im KZ-Komplex Mauthausen verantwortlich waren. Auch sogenannte Funktionshäftlinge hatten ihren Anteil. Sie wurden eingesetzt, um andere Häftlinge zu überwachen, zu quälen und zu töten.

v.l.n.r.: Margarete Gruber, StV. Obmann des Gedenkvereins Bretstein, Renata Schmidtkunz, Prof. Mag. Stefan Stradner, Obmann des Gedenkvereins Bretstein und Franz Michael Zagler, Vorstandsmitglied des Vereins Lila Winkel

Sadistische Monster und Gegenwart
Nicht alle waren sadistische Monster, betonte Stradner, aber alle waren Menschen. Sie waren Teil der Gesellschaft, hatten Familien und ein Alltagsleben. Das macht diese Verbrechen nicht weniger schwerwiegend, sondern umso erschreckender – denn es zeigt, dass unter gewissen Umständen viele Menschen zu Tätern und Täterinnen werden können. Deshalb, so Stradner, bietet die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wichtige Lehren für die Gegenwart. Denn die Formel „Befehl ist Befehl“ darf niemals zur moralischen Entschuldigung dienen.

Sechs lila Dreiecke mit Namen der Opfergruppe von Jehovas Zeugen

„Überwinde das Böse durch Gutes.“
Der erste Redner, Franz Michael Zagler vom Vorstand des Vereins Lila Winkel, zeigte nicht nur symbolisch auf die sechs lila Dreiecke der Gedenkstätte. Denn sie tragen die Namen jener Bibelforscher, wie damals Jehovas Zeugen genannt wurden, die sich von Beginn an gegen das NS-Regime stellten. Sie grüßten nicht mit „Heil Hitler“, lehnten den Wehrdienst ab und arbeiteten nicht für die Rüstung. Der symbolische Fingerzeig richtete sich vor allem auf die Gesinnung dieser sechs Männer und ihren späteren Umgang mit den Tätern und Täterinnen.

Zagler erzählte von seiner persönlichen Begegnung mit Leopold Engleitner, der 2007 vom damaligen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich geehrt wurde und der 2023 kurz vor seinem 108. Lebensjahr verstarb. In seinem bescheidenen Haus in Bad Ischl traf sich Familie Zagler und war von der Haltung dieses Mannes schwer beeindruckt. Er hatte nicht nur seinen Peinigern verziehen, sondern lebte bis zum letzten Tag das Prinzip „Liebe“ aktiv im Alltag. Zagler kann nicht anders, als eine seiner Lieblingsbibeln aufzuschlagen und direkt aus der katholischen Van-Eß-Übersetzung von 1867 die Stelle aus dem Römerbrief, Kapitel 12, Vers 21 zu lesen: „Laß nicht das Böse dich überwinden, sondern überwinde du das Böse durch Gutes.“

Bläsergruppe des Musikvereins Bretstein

Hauptrede von Renata Schmidtkunz
Renata Schmidtkunz arbeitete 35 Jahre lang als Redakteurin, Filmemacherin und Moderatorin beim ORF in Wien, ist Journalistin und evangelische Theologin. Sie gestaltete bis 2025 die berühmte Ö1-Sendung „Im Gespräch“ und moderierte in der Spielzeit von 2013 bis 2014 das Projekt „Die letzten Zeugen“ im Burgtheater. Burgschauspieler lasen die Erinnerungstexte von sechs Überlebenden des Holocausts, die im Anschluss einige persönliche Worte an das Publikum richteten. Vor diesem Hintergrund waren die Besucher auf die Gedenkrede von Schmidtkunz gespannt und wurden nicht enttäuscht.

Renate Schmidtkunz bei ihrer Rede

Der Fotograf von Mauthausen
Hier in Bretstein, im KZ-Nebenlager von Mauthausen, waren zum überwiegenden Teil republikanische Spanier inhaftiert, die unter klimatisch schwierigen Bedingungen, mangelnder Versorgung mit Nahrung und Kleidung, bis zur völligen Entkräftung in der Landwirtschaft schufteten und beim Straßenbau halfen. Bis zu 50 SS-Männer bewachten die Arbeit und terrorisierten die Häftlinge, von denen sieben starben. Schmidtkunz erzählte mit viel Hingabe und Arrangement die berührende Geschichte des jungen Spaniers Francisco Boix, der in die Geschichtsbücher als „Der Fotograf von Mauthausen“ einging. Tausende Fotos aus dem KZ Mauthausen verdankt die Nachwelt ihm.

Francisco Boix wird 1920 in Barcelona geboren und schließt sich 1938 den Kämpfern gegen die Franquisten (Franco-Diktatur) an, deren Unterstützer neben Italien auch das nationalistische Deutschland waren. Ab 1939 gehen die Franquisten brutal gegen alle vor, die Widerstand leisteten. Wer nicht gefoltert und oder ermordet wurde, flüchtete nach Frankreich. So auch Francisco Boix. Dort wird er allerdings 1941 verhaftet und nach Mauthausen verschleppt. Er wird dem SS-Erkennungsdienst zugeteilt, dessen Aufgabe es war, Gefangene zu fotografieren und das Lagerleben zu dokumentieren. Gemeinsam mit anderen spanischen Gefangenen gelingt es ihm, tausende Negative seiner Fotografien zu verstecken. Diese Fotos waren nach der Befreiung 1945 wichtige Beweise dafür, dass bekannte Nazi-Führer Mauthausen besucht und gekannt hatten.

„Nie wieder“ – gilt für alle!
„Nieder wieder“ war der Slogan nach dem NS-Regime. Allerdings, so Schmidtkunz, ging das Morden nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Bis heute. Schmidtkunz wirkt besorgt und nachdenklich, als sie das sechste der zehn Gebote „Du sollst nicht töten!“ zitiert (2. Mose 20:13, Anm.) und begründet die Sinnlosigkeit des Mordens so: „Alle Menschen sind gleich, weil alle von Gott erschaffen wurden.“ „Das kann man auch verstehen, wenn man nicht religiös ist“, ist Schmidtkunz überzeugt und fragt die aufmerksame Zuhörerschaft: „Gilt das ‚Nie wieder‘ also nicht für alle Menschen?“

Allerdings brauche es für dauerhaften Frieden Mut, Anstand, Menschenliebe und Vernunft, betont Schmidtkunz, die abschließend Bretstein und ihre Besucher mit einer Frage zurücklässt, die noch lange nachhallt: „Sind wir damit ausreichend gut ausgestattet?“

Website von Renata Schmidtkunz: www.renataschmidtkunz.com

Website des Vereins Lila Winkel: www.lilawinkel.at

Fotos: © FMZ

Kontakt:
Franz Michael Zagler
Tel: 0676 637 84 96
E-Mail: fm.zagler@outlook.com