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Am 18. Dezember 2025 jährte sich zum 75. Mal die wegweisende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von Kanada im Fall Aimé Boucher gegen Seine Majestät den König. Das historische Urteil schützt nicht nur die Religions­freiheit von Jehovas Zeugen, sondern ist auch „ein bedeutender Meilenstein für die Meinungsfreiheit … und von grundlegender Bedeutung für alle Kanadier.“*

In den 1940er-Jahren wurden Zeugen Jehovas in Quebec brutal angefeindet und Hunderte wurden verhaftet. Im November 1946 machten Jehovas Zeugen in einer 16-tägigen Aktion die Öffentlichkeit in Quebec auf die Missachtung der Religions­freiheit aufmerksam. Sie verbreiteten mutig ein vierseitiges Flugblatt mit dem Titel Quebec’s Burning Hate for God and Christ and Freedom Is the Shame of All Canada (Quebecs lodernder Hass gegen Gott, Christus und die Freiheit ist eine Schande für ganz Kanada). Darin wurde im Detail gezeigt, wie in der gesamten Provinz gegen Jehovas Zeugen vorgegangen wurde – durch von Geistlichen angezettelte Unruhen, brutale Polizeieinsätze und gewalttätige Menschenmengen. Die Regierung betrachtete den Inhalt des Traktats als Angriff auf ihre Autorität und klagte jeden, der es verbreitete, wegen „aufrührerischer Verleumdung“ an.

Hintergrund: Das Gebäude des Obersten Gerichtshofs von Kanada. Vordergrund: Das Traktat Quebec’s Burning Hate (Quebecs lodernder Hass) und Titelseiten des Toronto Daily Star mit Berichten über den Prozess gegen Aimé Boucher

Am 26. November 1946 wurden Aimé Boucher und seine Töchter Gisèle (21) und Lucille (12) verhaftet und inhaftiert, weil sie das Traktat verteilt hatten. Als ihr Fall 1947 vor Gericht kam, wurden Aimé und Gisèle schuldig gesprochen, und Aimé wurde zu einer einmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Berufungsgericht von Quebec bestätigte das Urteil. Deshalb wandte sich Aimé an den Obersten Gerichtshof von Kanada.

Schließlich befasste sich der Oberste Gerichtshof mit dem Fall, der landesweit die Aufmerksamkeit auf eine wichtige Frage lenkte: Ist es aufrührerisch, sich gegen Ungerechtigkeit und religiöse Verfolgung auszusprechen? Nach Durchsicht des Traktats kam das Gericht zu dem Schluss, dass der Inhalt nicht aufrührerisch war, sondern vielmehr ein Aufruf zu Ruhe und Vernunft. Infolgedessen hob das Gericht am 18. Dezember 1950 das Urteil gegen Aimé Boucher auf und sprach ihn vollständig frei. Darüber hinaus wurden die anhängigen Verfahren gegen über 100 weitere Zeugen Jehovas eingestellt.

Aimé Boucher und seine Frau Augustine

Die Entscheidung wurde in ganz Kanada begrüßt. In einem Artikel im Peterborough Examiner hieß es: „Die Freiheit des Einzelnen ist der Maßstab für die Freiheit der ganzen Nation.“ Wie Dr. Janet Epp Buckingham, Professorin und Rechts­wissenschaftlerin, 2017 erklärte, hat die Verfolgung von Jehovas Zeugen in Quebec letztendlich Kanadas gesamten Umgang mit der Religions­freiheit geprägt.

Noch heute schützt das Urteil die verfassungs­mäßigen Rechte aller Kanadier, einschließlich der über 125 000 Zeugen Jehovas, die mehr als 1150 Gemeinden im Land angehören.

*Eugene Meehan, Kronanwalt, Supreme Advocacy LLP, Ottawa (ehemaliger Chefjustiziar des Obersten Gerichtshofs von Kanada).

Fotos: @ jw.org

Kontakt:
Franz Michael Zagler
Tel: 0676/637 84 96
E-Mail: fmzagler@fmzagler.at