Erstmals in der Geschichte der Erzdiözese Wien eröffnet der neue Erzbischof sein Amt nicht nur im Stephansdom, sondern sucht die direkte Nähe zu den Gläubigen in den Vikariaten.
Es ist ein kühler Februartag, doch in den Gassen von Wullersdorf und vor dem imposanten Dom von Wiener Neustadt herrscht eine Wärme, die nichts mit dem Wetter zu tun hat. Rund 2.500 Menschen sind an diesem Wochenende zusammengekommen, um einen Moment mitzuerleben, den es in dieser Form in der Geschichte der Erzdiözese Wien noch nie gegeben hat. Josef Grünwidl, der neue Erzbischof, bricht mit der Tradition, seinen Dienst ausschließlich im Herzen der Hauptstadt zu beginnen. Stattdessen begibt er sich dorthin, wo der Glaube seine Wurzeln und seinen Alltag hat: in die Vikariate Nord und Süd.

Den Auftakt bildete am Freitagabend Wiener Neustadt. Schon lange vor Beginn der Feier war klar, dass der Dom die Massen nicht fassen würde. Über 1.200 Gläubige drängten in das historische Gotteshaus, viele harrten trotz der Kälte auf dem Domvorplatz aus, um per Lautsprecher dabeizusein. In einer Stadt, die einst selbst Bischofssitz war, mahnte Grünwidl in seiner Predigt vor falscher Nostalgie. Er sprach offen über das „Zerbröseln der alten Kirchengestalt“, verweigerte sich jedoch dem Klagegesang. Vielmehr rief er zu einer mutigen, synodalen Erneuerung auf. Die Kirche möge kleiner werden, doch die Botschaft des Evangeliums bleibe ein unerschütterlicher Anker, sofern man bereit sei, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen und Netzwerke zu knüpfen.
Nur einen Tag später verwandelte sich das beschauliche Wullersdorf im Weinviertel in das geistliche Zentrum der Diözese. Für den neuen Erzbischof war dieser Besuch weit mehr als eine protokollarische Pflicht – es war ein Heimkommen. In der Pfarrkirche St. Georg, wo er einst als Ministrant am Altar stand, die Orgel schlug und seine ersten Schritte im Glauben tat, wurde er von über tausend Menschen empfangen. Unter den Gästen fanden sich auch prominente Wegbegleiter wie Alt-Landeshauptmann Erwin Pröll und Landtagspräsident Karl Wilfing, die miterlebten, wie sehr Grünwidl mit dieser Region verwurzelt ist. In einer sehr persönlichen Predigt erinnerte er an seine Jugend und die prägende Kraft der Gemeinschaft.
Dabei verlor er den Blick für die Gegenwart nicht. Grünwidl zeichnete das Bild einer Kirche, die sich in Zeiten globaler Krisen und innerer Herausforderungen nicht verstecken darf. Mit einem Schmunzeln und viel Zuversicht zitierte er ein bekanntes Sprichwort: Wenn der Wind der Veränderung wehe, bauten die einen Mauern, die anderen jedoch Windmühlen. Er forderte die Gläubigen auf, zu Windmüllern des Geistes zu werden. Es gehe um Mission – nicht als erhobener Zeigefinger, sondern als gelebtes Zeugnis im Kleinen. Ein paar Salzkörner, eine einzelne Kerze in einem dunklen Raum – das seien die Bilder, die verdeutlichen, wie wirkmächtig der Glaube auch heute noch sein kann.
Die tiefe Verbundenheit zu seiner Heimat und der benediktinischen Tradition, die Wullersdorf seit Jahrhunderten prägt, trägt Grünwidl nun auch in seinem offiziellen Wappen. Die Adlerschwinge des Stiftes Melk darin ist ein bleibendes Symbol für seine Herkunft. Nach diesem ereignisreichen Wochenende ist eines deutlich geworden: Dieser Erzbischof sucht nicht den Elfenbeinturm, sondern den Dialog auf Augenhöhe. Ob im urbanen Gefüge von Wiener Neustadt oder in der ländlichen Idylle des Weinviertels – die Menschen haben gespürt, dass hier jemand den Wandel nicht nur verwaltet, sondern mit Freude und einer tiefen menschlichen Wärme gestalten will.


















