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Das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas im Berliner Tiergarten, nahe dem historischen Goldfischteich / Foto: © FMZ

Mahnmal und die Sonne strahlten um die Wette, als am Mittwoch, dem 24. Juni 2026 um 11:00 Uhr über 1000 Besucher in den Tiergarten Berlin, nahe dem Goldfischteich, kamen. Sie erlebten die Übergabe einer Bronzeskulptur für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas. Das Mahnmal wurde 2023 einstimmig vom Bundestag beschlossen.

Bevor Uwe Neumärkter, Direktor der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, die ersten Sätze sprechen kann, zieht die 4,95 m hohe Skulptur aus Bronze nicht nur die Blicke auf sich, sondern animiert zum „Begreifen“. Der Künstler Matthias Leeck hat eine Oberflächenstruktur mit Furchen und Ritzen erschaffen, welche die Verletzungen derer „spürbar“ machen, die von Beginn an dem NS-Regime Widerstand leisteten. Auch die Form eines Baumstamms hat Leeck bewusst gewählt, um die Standhaftigkeit der Opfergruppe der Zeugen Jehovas zu symbolisieren.
„Begreifen“ kann man freilich das Leid, das die über 15.500 Mitglieder der Glaubensgemeinschaft in den Jahren 1933 bis 1945 erlitten, nur bedingt, wenn überhaupt. 1.750 Männer und Frauen wurden ermordet, darunter waren 154 österreichische Opfer.
Was man kann, erklärte Uwe Neumärker in seinen einleitenden Worten so: Man kann den unglaublichen Mut, den Widerstand und die große Mitmenschlichkeit der Zeugen Jehovas würdigen. Und das macht die Bundesrepublik Deutschland mit diesem Mahnmal auch. Daher galt sein Dank nicht nur der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, sondern auch dem Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, dessen Haus dieses Mahnmal und den Festakt finanzierte.

Kammerorchester Terra Nova
Das Kammerorchester Terra Nova, unter der Leitung des Dirigenten Jerome Weiss, eröffnete den Festakt mit einer Komposition von Erich Frost. Erich Frost verbrachte als Zeuge Jehovas über neun Jahre wegen seiner Überzeugung in verschiedenen Konzentrationslagern und Haftanstalten. 1942 komponierte Frost das Musikstück „Fest und entschlossen“ im KZ Sachsenhausen und wollte damit seine Glaubensgeschwister aufmuntern. Obwohl er am 30. Oktober 1987 im Alter von 86 Jahren verstarb, ermuntert sein Lied noch immer. Das „Liederbuch“ von Jehovas Zeugen, das sie bei ihren Gottesdiensten verwenden, umfasst derzeit 163 Musikstücke – darunter das Lied „Fest und entschlossen“ von Erich Frost mit der Nummer 61.

Julia Klöckner, Bundestagspräsidentin / Foto: © FMZ

 „Sehr, sehr würdig ist das“

Julia Klöckner, Bundestagspräsidentin, war sichtlich gerührt und richtete sich zunächst an das Orchester: „Dankeschön für ihre wunderbare Musik unter freiem Himmel und dafür, mit solchem Ton so professionell hier draußen zu spielen. Ganz herzlichen Dank. Sehr, sehr würdig ist das.“
Dann erklärte Klöckner, wie leidenschaftlich manche Fragen im Bundestag diskutiert würden und dass oft sehr unterschiedlich abgestimmt werde. Als es allerdings um die Errichtung dieses Mahnmals ging, herrschte Einigkeit. „Das ist sehr bemerkenswert“, betonte Klöckner. Einig war man sich auch darüber, dass Jehovas Zeugen für ihre Verfolgung in der NS-Zeit einen sichtbaren Ort des Gedenkens verdienen. Denn die verfolgten Bibelforscher, wie damals Jehovas Zeugen genannt wurden, verweigerten sich dem Nationalsozialismus in einer besonderen Geschlossenheit. „Sie zeigten nicht den Hitlergruß. Sie traten nicht in die Partei ein. Sie beteiligten sich nicht an der Hetze gegen Juden, gegen Sinti und Roma und gegen Homosexuelle“, wie Klöckner bekräftigte.

SS lockte mit Freilassung
Klöckner nannte überzeugende Details, was die Haltung der Zeugen Jehovas so besonders machte. Sie blieben sich selbst treu, beteiligten sich nicht an organisierten Lagerwiderständen, strebten keinen Umsturz an, teilten in der Not ihr karges Brot mit anderen, lasen heimlich die Bibel und wollten einzig und allein ihren Glauben leben. Selbst als die SS der Häftlingsgruppe mit dem lila Winkel als Kennzeichen mit Freilassung lockte, knickten sie nicht ein. Nur Jehovas Zeugen wurde eine Erklärung vorgelegt, womit der Betreffende mit seiner Unterschrift seinen Glauben abgeschworen und seine Glaubensgeschwister verraten hätte. Sie blieben unbeugsam.
Daher, so Klöckner, sei dieses Denkmal ihrem Leid, ihrem Mut und ihrer Gewissensfestigkeit gewidmet und solle ein Zeichen für die Erinnerungskultur in Deutschland setzen. Klöckner weiter: „Die Erinnerungskultur bleibt leer und herzlos, wenn sie historisch abgeschlossen ist und nicht in das Heute übersetzt wird, das heißt, aufzuzeigen, wie etwas angefangen hat und wie wir ‚Wehret den Anfängen‘ mit Leben erfüllen können.“

„Wie offene Wunden“
Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, blickte mit großer Ehrfurcht auf das Mahnmal, das rund 5 m in den Himmel ragt und eine fragmentierte Oberfläche aufweist. In seiner Wahrnehmung fühle sich die Struktur „ein bisschen wie offene Wunden an“. Dem Baum, der eigentlich kein Baum ist, so Weimer, fehlen die Äste, die ihm wie Arme ausgerissen wurden, und dennoch steht er fest verwurzelt da und leuchtet.

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer / Foto: © FMZ

Weimer erläutert: „Dieses Mahnmal steht nicht zufällig genau hier. An diesem Ort, am Goldfischteich, trafen sich vor 90 Jahren Zeugen Jehovas unter dem Deckmantel eines Lehnstuhlverleihs. Sie tauschten heimlich Informationen aus und organisierten Widerstand. Die Gestapo hat ihre Verhaftungsaktion genau hier vollzogen, woraufhin 17 mutige Menschen direkt ihr Leben verloren. Mindestens 1.750 verloren ihr Leben, darunter fast 300 wegen Kriegsdienstverweigerung durch Hinrichtung. Die Diskriminierung der Zeugen Jehovas setzte sich auch in der DDR fort, wo die Religionsgemeinschaft seit 1955 verboten war.“

Warum Angst vor Gläubigen?
Anschließend rüttelte Weimer mit einer Reihe von Fragen auf, die niemanden kalt ließen. Nach einem Gedankenstrich fragte Weimer eindringlich: „Warum haben Ideologen eigentlich Angst vor Gläubigen? Warum zittern Diktatoren ausgerechnet vor Betenden? Und:
„Warum haben die Nazis diesen 29-jährigen August Dickmann, einen Zeugen Jehovas, im KZ Sachsenhausen öffentlich erschossen, nach einer grauenhaften Demütigung, nur weil er keinen Wehrdienst leisten wollte? Warum zwangen sie die 360 ebenfalls inhaftierten Zeugen in diesem Moment in die vordersten Reihen, um dem Grauen zuzusehen?“
Die Antwort blieb Weimer nicht schuldig:
„Weil Menschen, die glauben, etwas haben, was Diktatoren nicht haben. Gewissen. Weil Gewissen am Ende mächtiger ist als Gewehre. Weil Menschen, die glauben, ihrer Moral und ihren Werten folgen und nicht denen der schieren Macht. Weil es für sie, wie es im Römerbrief (Römer, Kapitel 13, Vers 1, Anm.) heißt, keine eigentliche Obrigkeit außer Gott gibt. Weil Menschen, die glauben, wissen, dass sie nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand und also der Hand der Schergen immer entgehen. Weil Menschen, die glauben, bis zur untersten Tiefe ihrer Prinzipien hinabsteigen können und aus dieser uralten Brunnenstube religiöses, frisches Wasser herausholen, wohingegen die Wasser des Politischen häufig abgestanden nach Macht schmecken. Weil Menschen, die glauben, Hoffnung haben und Sinn kennen: Hoffnung auf eine Zukunft jenseits der Diktatur und damit eine unzerstörbare moralische Stärke.“

Großer Applaus, anerkennendes Nicken der Bundestagspräsidentin. Das Kammerorchester nahm inzwischen Aufstellung und spielte ein weiteres Stück von Erich Frost: „Weißt du noch?“
Vor seiner nächsten Ankündigung holte Uwe Neumärker die Begrüßung von Simone Arnold-Liebster, einer der letzten Überlebenden der Zeugen Jehovas, nach. Sie ist heute 96 Jahre, ist Mitbegründerin der Arnold-Liebster-Stiftung und war per Videostream verbunden.

Die Redner*innen v.l.n.r.: Julius Glaser, Uwe Neumärker, Felor Badenberg, Julia Klöckner, Clara-Denise Dörner, Wolfram Weimer und Matthias Leeck / Foto: © FMZ

Der Maßstab
Felor Badenberg, Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz des Landes Berlin, erklärte in ihrer Rede, dass dieses Mahnmal der Erinnerung einen festen Platz gibt und zugleich auf den Wert von Gewissens- und Religionsfreiheit verweist. „Denn es macht deutlich“, so Badenberg, „dass die Verantwortung vor Gott und den Menschen, von der das Grundgesetz in seiner Präambel spricht, keine überholte Formel ist. Sie bleibt lebendiger Maßstab für unser Handeln: für die Achtung der Würde jedes Menschen, für religiöse Toleranz, für die Verteidigung von Freiheit und Rechtsstaat und für die Bereitschaft, dort Nein zu sagen, wo Macht beansprucht, keine Grenzen zu kennen.“
Am Ende ihrer Rede betonte Badenberg nachdrücklich, „dass das Mahnmal, das wir heute einweihen, den Mut der Zeugen Jehovas würdigt, die ihrem Gewissen treu geblieben sind. Es mahnt uns alle gemeinsam, wachsam zu bleiben gegenüber jedem Anspruch politischer Macht, über dem Gewissen des Einzelnen stehen zu wollen.“

Künstler Matthias Leeck und sein inneres Hadern
Der Künstler Matthias Leeck ließ anschließend tief blicken. Es hätte Momente gegeben, in denen die Last der Verantwortung schwerer wog als die Bronze, die er bearbeitete. Es beschäftigte ihn die Frage, ob eine Skulptur der unerschütterlichen Haltung der vom Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas überhaupt gerecht werden kann und wie man das Leid, die Standhaftigkeit und ihre Überzeugung in Bronze bändigt.
Sein inneres Hadern löste Simone Arnold-Liebster auf, die er im Dezember 2023 traf. Die damals 93-jährige Zeitzeugin hätte Leeck gezeigt, dass nicht Ohnmacht das letzte Wort haben dürfe, sondern das Mahnmal durch seine Form Lebensenergie und innere Kraft ausstrahlen müsse.
So kam es zu dieser beeindruckenden Bronzeskulptur – 4,95 m hoch und 12 Tonnen schwer. Die Dimension sei der Ausdruck einer unbeugsamen Haltung, so Leeck. Die Oberfläche stehe für die visuelle Schichtung der Erinnerung, eine Mehrfachbelichtung der Geschichte.
Allerdings möchte Leeck nicht, dass Besucher*innen in Ehrfurcht erstarren, sondern die Natur und die Sonne inmitten des Ensembles genießen. „Bringen Sie Ihre Stühle, Ihre Liegestühle und Ihre Decken mit, denn die Freiheit, das Leben im Hier und Jetzt unbeschwert zu genießen, ist die stärkste und lebendigste Antwort auf die Tyrannei von einst“, sagt der Künstler.
Dieses Ensemble wird noch wachsen, informiert Leeck. Im Herbst werden weitere Pflanzungen vorgenommen: Birken, eine Eiche, eine Hainbuche, zwei Eiben, Sträucher und Blütenpflanzungen werden in Zukunft die Skulptur in diesen Raum einbinden.
Daher, so sein abschließender Appell, möge dieser Gedenkort nicht nur als Mahnung, sondern als Raum der inneren Einkehr verstanden und begriffen werden.

Ur-Enkelin und Ur-Urenkel
Die Ur-Enkelin Clara-Denise Dörner und der Ur-Urenkel Julius Glaser erzählen als Nachgeborene die Geschichte ihrer Familienangehörigen. Der Uropa von Clara-Denise arbeitete als Bergmann und seine Frau kümmerte sich um den Haushalt und um die Kinder. Alles hat sich mit der Machtergreifung Hitlers geändert. Bis 1937 war der Uropa Bruno bereits dreimal in Haft. Er hätte freikommen können, wenn er die Erklärung der SS unterschrieben hätte, was er nicht tat. So kam er ins Konzentrationslager, zuerst nach Sachsenhausen, dann nach Neuengamme. Dort starb er am 27. März 1940 mit nur 41 Jahren.

Clara-Denise hat sich aufgrund des Mahnmals näher mit der Familiengeschichte unter dem NS-Regime befasst und ist sichtlich bewegt von deren Standhaftigkeit. Auch sind sie unter größtem persönlichem Druck ihrem Gewissen gefolgt und waren bereit, für ihre Glaubensüberzeugung einen hohen Preis zu zahlen.

Ur-Urenkel Julius Glaser erzählte von seinem Ur-Uropa Wilhelm, der sich 1935 mit einer Petition an den Völkerbund mit der Bitte wandte, das Verbot von Jehovas Zeugen rückgängig zu machen. Deshalb hat die Gestapo von Anfang an gewusst, dass Wilhelm ein Zeuge Jehovas ist. Es dauerte nicht lange, bis man ihm auf den Fersen war. Als er sich mit seiner Frau Maria 1936 heimlich im Wald traf, wurde er von einer Nachbarin verraten und noch an Ort und Stelle verhaftet. Danach hat es nur mehr ein Lebenszeichen von Ur-Uropa Wilhelm gegeben und obwohl sogar Glaubensgeschwister nach ihm suchten, blieb er verschwunden. Später stellte sich heraus, dass er totgeschlagen wurde.
Auch Julius hat sich aufgrund der Einladung, hier seine Geschichte erzählen zu dürfen, noch eingehender mit seiner Familiengeschichte beschäftigt. Julius möchte sich auch in Zukunft, wie er betont, mit „dieser bemerkenswerten Geschichte über Mut und der Entschlossenheit, seinem Gewissen zu folgen“, beschäftigen.

Der Vorstand des Vereins „Lila Winkel“ v.l.n.r.: Ing. Bernd Gsell, Heidi Gsell, Peter Stocker und Franz Michael Zagler / Foto: © MS

Der Verein Lila Winkel aus Österreich
Die anwesenden Vorstandsmitglieder des Vereins Lila Winkel, Peter Stocker, Franz Michael Zagler, Heidi und Bernd Gsell, genossen die abschließende Komposition des Dirigenten Jerome Weiss mit dem Titel „Ungebrochen durch die Nacht.“ Sie brachten ihre Wertschätzung der Arnold-Liebster-Stiftung zum Ausdruck, deren Mitglieder über 15 Jahre lang auf diesen Tag unermüdlich hinarbeiteten. Seit 2025 freuen sich die Vorstandsmitglieder des Vereins Lila Winkel, dass sie mit der Arnold-Liebster-Stiftung einen starken Kooperationspartner haben, und hoffen, dass dieses Mahnmal in Berlin ein Signal für die Erinnerungskultur in Österreich ist.

Website des Vereins Lila Winkel: www.lilawinkel.at

Website der Arnold-Liebster-Stiftung: www.alst.org


Kontakt:
Franz Michael Zagler
Tel: 0676 637 84 96                                                                                      E-Mail: fm.zagler@outlook.com