
Rechts: Einige der fast 9800 Zeugen Jehovas, die nach ihrer Deportation eine schwere Zeit durchmachten
Ukraine: Offizieller Gedenktag für die Opfer der sowjetischen Operation „Nord“
Vor 75 Jahren, im April 1951, fand in der Sowjetunion die Operation „Nord“ statt. Es handelte sich um die größte Deportation einer religiösen Gruppe in der sowjetischen Geschichte. Bei dieser Operation wurden 9793 Zeugen Jehovas aus der Ukraine und fünf weiteren Sowjetrepubliken – Belarus, Estland, Lettland, Litauen und Moldawien – zwangsweise nach Sibirien umgesiedelt. 2026 rief die ukrainische Regierung in Anerkennung der Verfolgung von Jehovas Zeugen den 8. April als offiziellen Gedenktag für die Opfer der Operation „Nord“ aus.

In den Jahren vor dieser Operation wollten die sowjetischen Behörden verhindern, dass Jehovas Zeugen von Haus zu Haus gehen, um mit ihren Mitmenschen über die biblische Hoffnung zu sprechen und Zusammenkünfte abhalten. Das hatte über 1000 Festnahmen zur Folge. Doch da das Bemühen, die Tätigkeit der Glaubensgemeinschaft zu unterbinden, scheiterte, griff die sowjetische Regierung zu drastischeren Mitteln. Auf direkten Befehl von Josef Stalin begann am 8. April 1951 die Deportation von ukrainischen Zeugen Jehovas. Wegen ihrer friedlichen religiösen Überzeugung und ihrer politischen Neutralität waren sie die Zielscheibe staatlicher Verfolgung. In vielen Fällen wurden den Familien nur zwei Stunden gegeben, um ihre Habseligkeiten zusammenzupacken, bevor man sie in Eisenbahnwagen zwang und nach Sibirien transportierte. Es kam vor, dass bis zu 50 Personen in Waggons zusammengepfercht wurden, die man sonst für den Viehtransport nutzte. Die Fahrt dauerte bis zu 18 Tage. Nach ihrer Ankunft mussten die deportierten Zeugen Jehovas mit extremen Wetterbedingungen, eingeschränkter Bewegungsfreiheit und dem Misstrauen der Einheimischen fertigwerden.
Anna Wolossjanko war erst fünf Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Mutter und ihren Großeltern nach Sibirien deportiert wurde. Sie erzählt: „Anfangs waren die örtlichen Behörden uns gegenüber ziemlich reserviert. Doch nach und nach begegneten sie uns mit mehr Vertrauen, weil sie erkannten, dass Jehovas Zeugen keine Kriminellen sind. Ab dann behandelten sie uns gut.“

Trotz schwieriger Lebensbedingungen blieben die deportierten Zeugen Jehovas für ihren Glauben aktiv. Sie trafen sich nach wie vor regelmäßig zu Gottesdiensten und sprachen eifrig mit anderen über die Botschaft der Bibel. Anton Sadoroschny war 11 Jahre alt, als seine Familie deportiert wurde. Er berichtet: „Als die Behörden merkten, dass die Zahl der Zeugen Jehovas in Sibirien deutlich anstieg, mussten sie sich eingestehen, dass es ein Fehler war, uns umzusiedeln. Tatsächlich trug es dazu bei, dass sich die gute Botschaft (der Bibel, Anm.) in der Sowjetunion nur noch mehr verbreitete.“
Das treue Beispiel dieser Zeugen Jehovas inspiriert andere und macht ihnen bis heute Mut. Zu den Deportierten gehörten auch die Ururgroßeltern des 20-jährigen Adrian. Er erzählt: „In meiner Schulzeit wurde ich oft wegen meines Glaubens verspottet. Wenn ich dann daran dachte, wie fest meine Familie zu ihren Gott Jehova gehalten hat, half mir das, nicht aufzugeben.“ Und Inna, deren Großmutter bei ihrer Deportation noch eine Jugendliche war, sagt: „Meine Oma hatte viele positive Erinnerungen an diese schwierige Zeit. Man merkte deutlich, dass sie ihre Standhaftigkeit nie bereut hat. Was sie erlebt hat, motiviert mich, fest zu meiner Überzeugung zu stehen.“

In Kürze eröffnen zwei akademische Institute in der Ukraine Ausstellungen zum 75-jährigen Gedenken an diese Massendeportation. Dabei steht die Standhaftigkeit von Jehovas Zeugen in der Sowjetzeit im Mittelpunkt. Jehovas Zeugen haben außerdem eine informative Website erstellt, auf der man Näheres über die Operation „Nord“ erfahren kann.
Kontakt:
Franz Michael Zagler
Tel: 0676/637 84 96
E-Mail: fmzagler@fmzagler.at
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