Schärding. Eine Woche lang (von Montag, 2. Februar bis Freitag, 6. Februar 2026) war im Rahmen der Zeitzeugentage im Schulzentrum Schärding die NS-Ausstellung „Lebendige Geschichte“ zu sehen. Zwölf Ausstellungstafeln in der Aula der Bildungseinrichtung BG/BRG/BORG und BHAK informierten über die Opfergruppe mit dem „Lila Winkel.“ Mit einem „Lila Winkel“ waren die Bibelforscher, wie damals Jehovas Zeugen genannt wurden, in den Konzentrationslagern gekennzeichnet, weil sie sich geschlossen und aus christlicher Überzeugung gegen das Hitlerregime stellten.

Die Ausstellung stand unter dem Motto: „Es gibt die erste Schuld, die Schuld des Verbrechens und die zweite Schuld, die des Vergessens und Verdrängens von Verbrechen.“ Die 947 Schüler*innen werden die berührenden Geschichten der Kinder und Jugendlichen nicht vergessen, die Terror, Gewalt und Misshandlungen ertragen mussten, weil sie ihrem Gewissen folgten. Aus biblischer Überzeugung lehnten sie den Wehrdienst ab, arbeiteten nicht in der Rüstungsindustrie und grüßten nicht mit „Heil Hitler.“ Eine Ausstellungstafel beschrieb die Folgen so: „Wer nicht richtig grüßte oder den Gehorsam verweigerte, wurde als schwer erziehbar, asozial oder heimatfeindlich eingestuft und bekam die ganze Härte des Regimes zu spüren.“
Besonders betroffen machte der Bericht über die Erziehungsanstalt „Am Spiegelgrund“ in Wien. Kinder und Jugendliche, die nicht dem NS-Idealbild entsprachen, erlebten dort unmenschliches Leid. An ihnen wurden grausame medizinische Versuche von Ärzten und Psychiatern durchgeführt und absichtlich geöffnete Fenster an eiskalten Wintertagen führten zu tödlichen Lungenentzündungen. Heimkinder mussten Erbrochenes essen, wurden vergewaltigt, zwangssterilisiert, mit dem Kopf unter Wasser getaucht oder mit nassen, verknoteten Handtüchern geschlagen. Von 1940 bis 1945 wurden „Am Spiegelgrund“ 789 Kinder und Jugendliche systematisch ermordet, da sie aus Sicht des Nationalsozialismus als „lebensunwert und bildungsunfähig“ galten und für das System nur „Dauerkosten“ verursachten.
Doch diese Ausstellung erzählte nicht nur über die Gräuel der NS-Zeit und über die menschlichen Abgründe eines besessenen und sadistischen Diktators. Sie möchte, wie die letzte Tafel zu erkennen gab, die Hand reichen und nach vorne schauen. Mit der Überschrift „Für die Zukunft lernen, damit es eine Zukunft gibt“ verließen die Schüler*innen diese Ausstellung mit Ideen für eine Schubumkehr im Denken: Aus Gewalt wird Liebe, aus Rassismus Solidarität, aus Hass Respekt, aus Gruppenzwang Toleranz, aus Mobbing Hoffnung, aus Ausgrenzung Menschlichkeit, und aus Krieg wird Frieden.
Zwei Schüler waren spontan bereit, ihre Eindrücke zu schildern:
Peter: „Die Ausstellungstafel Terror und Gewalt gegen Kinder hat mich schwer beeindruckt. Der 13-jährige Emil wurde den Eltern weggenommen, weil er nicht mit Heil Hitler! grüßte. Was für ein radikales Verhalten! Viel besser wäre es gewesen, miteinander zu reden und tolerant zu sein. Abgesehen davon, ist ein Guten Morgen! oder ein Guten Tag! der ohnehin bessere Gruß. In jedem Fall bemühen wir uns in der Klasse um einen guten Zusammenhalt, reden viel miteinander, zeigen Respekt und vermeiden jede Aggressivität.“
Benjamin: „Ich war sehr erschrocken, zu erfahren, welche Strafen bei kleinsten Vergehen an der Tagesordnung waren. Kinder oder Jugendliche, die nicht mit Heil Hitler! grüßten, wurden z.B. drei Monate lang täglich mit einem Meterstab geschlagen – dass steht in keiner Relation und wäre heute undenkbar.
Abgesehen davon, steht keinem Menschen Heil oder Rettung zu. Denn wie ich jetzt weiß, steht ja in der Bibel, dass nur von Jesus Christus Heil oder Rettung kommt. Ein Mensch könnte nie so gut oder begabt sein, dass ihm diese Ehre zustehen würde. Was mich noch beeindruckt hat, war die Tatsache, dass sich die Opfergruppe der Zeugen Jehovas nie an ihren Peinigern gerächt hat, obwohl sie dazu aufgefordert wurde und oftmals die Gelegenheit dazu gehabt hätte.“

Fotos: © MZ
Kontakt:
Franz Michael Zagler
Tel: 0676/637 84 96
E-Mail: fmzagler@fmzagler.at


















